Gesundheitsrisiko Nummer 1: Gewalt in Beziehungen
Gewalt in Beziehungen: Für Frauen das größte Gesundheitsrisiko
Expertin im Interview: DPGKS Anneliese Erdemgil-Brandstätter
Die Mitbegründerin der Frauenberatungsstelle Kassandra in Mödling und des Netzwerkes österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen, seit 2000 Koordinatorin des NÖ Schulungsprojektes „Gewalt gegen Frauen" über die Bedeutung von Gewalt gegen Frauen im Gesundheitsbereich
Die diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester für Psychiatrie und Neurologie kennt die gravierenden Folgen von Gewalt aus der täglichen Beratungspraxis. Mit engagierten Kolleginnen rief sie vor 11 Jahren ein Schulungsprojekt zur Bedeutung von Gewalt für das Gesundheitswesen ins Leben und setzt sich seitdem erfolgreich für die Sensibilisierung der MitarbeiterInnen in Kliniken, in der niederqelassenen Ärzteschaft und in relevanten Ausbildungsstätten ein.
„Die Schulung von Personal im Gesundheitsbereich zu Gewaltthemen hat eine viel jüngere Geschichte als etwa in der Ausbildung der Polizei", erklärt Erdemgil-Brandstätter. „Hier haben wir es mit einer Fülle an Berufsgruppen zu tun, mit sehr unterschiedlichen Zuständigkeiten und ungleichem Vorwissen, das macht eine konzertierte Herangehensweise schwierig. Aber wie Studien belegen, zählen Einrichtungen des Gesundheitswesens zu den zuallererst aufgesuchten Anlaufstellen nach einer Gewalterfahrung, also der hausärztliche Dienst, psychotherapeutische Angebote, Krankenhäuser und dann erst die Polizei. Bei sexualisierter Gewalt gehen Frauen lieber zuerst in frauenspezifische Einrichtungen. Das zeigt uns deutlich, wo mit Schulung und Weiterbildung konkret angesetzt werden muss."
MitarbeiterInnen in Gesundheitsberufen sind auch für ihre Aufgabe der Prävention zu sensibilisieren. „Es hängt viel davon ab, ob und wie Gewalterfahrung in der Anamnese, Diagnose und Therapie berücksichtigt wird", so Erdemgil-Brandstätter. „Erst wenn ausreichend Wissen über Formen und Folgen von Gewalt vorhanden ist, Gewalt routinemäßig zur Erfassung von Risikofaktoren thematisiert wird und eine professionelle Spurensicherung zur Dokumentation durchgeführt wird, kann die Gewaltspirale wirklich durchbrochen werden. Dazu gehört auch das Wissen, mit wem kooperiert werden kann und welche Opferschutz-Möglichkeiten regional vorhanden sind. Niemand muss heute alleine mit Gewalt fertigwerden! Es gibt eine Vielzahl an Hilfsangeboten."
Welche Frauen sind heute besonders von Gewalt betroffen? Gibt es heute andere Risikogruppen als zum Beispiel vor 10 oder 100 Jahren?
„Wenn sich gesellschaftliche Zustände ändern, verändern sich auch Risikofaktoren. Alles, was zu mehr Abhängigkeit führt, verschärft die Situation: Die steigende Armut, Asylgesetze, die Frauen an Männer binden, oder die verschärfte Lage am Arbeitsmarkt - damit sind vor allem ältere Frauen zu den neuen Risikogruppen zu zählen, weil sie am stärksten von der Armut betroffen sind, Teenager - weil sie schlechte Bedingungen am Arbeitsmarkt inklusive klaffender Gehaltsschere vorfinden sowie Migrantinnen, die weniger Zugang zu Hilfsangeboten finden und deren Abhängigkeit durch die kulturelle Abschottung sehr hoch ist."
Welche Rolle spielen Filme und generell die Medien, Gewalt als fixer Bestandteil des Unterhaltungsprogramms?
Medien sind nicht die Ursache für Gewalt. Sie stellen nur das Spiegelbild der Gesellschaft dar. Sie bilden ab, was los ist und können Rollenbilder verstärken, positiv wie negativ.
Welche Auswirkung hatte die Wirtschafts- und Finanzkrise auf Einrichtungen gegen Gewalt?
„Wir sehen europaweit die Tendenz, dass Einrichtungen mehr und mehr dem Wettbewerb des freien Marktes ausgesetzt werden, dass Leistungspakete ausgeschrieben werden und staatliche Stellen sich aus ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zurückziehen wollen. Das halte ich nicht für zielführend, denn für gesellschaftspolitische Anliegen sollte auf seriöse Weise die notwendige Infrastruktur finanziert werden."
Was wäre wichtig, dringend, nützlich, um Entwicklungen gegen Gewalt voranzutreiben?
„Auch wenn viele das nicht gerne hören werden - ein Nationaler Aktionsplan gegen Gewalt, der Forschungen, Maßnahmen und Initiativen in einen gemeinsamen Rahmen setzt, wäre zum jetzigen Zeitpunkt wirklich dienlich. Es muss einfach einmal geschaut werden: Was haben wir, was fehlt, brauchen wir noch? Warum ändert sich so wenig nach jahrzehntelangen Bemühungen, wo und warum bestehen immer noch die gleichen Defizite? Österreich hat sicherlich eines der besten Gewaltschutzgesetze in Europa und dass es ab 2012 in allen Kliniken also flächendeckend in Österreich Versorgung mit Opferschutzgruppen geben muss, ist ebenfalls vorbildlich. Aber dann müssen wir den nächsten Schritt weiter gehen und einerseits mit konkreten Schwerpunkten und Programmen arbeiten, aber andrerseits einen umfassenderen Rahmen schaffen, damit die unterschiedlichen Zuständigkeiten und Einzelblicke nicht losgelöst vom Gesamtkonzept betrachtet werden."
Wir danken DPGKS Anneliese Erdemgil-Brandstätter und wünschen ihr weiterhin alles Gute!
Das Interview führte Mag.a Christiana Weidel im Auftrag des NÖ Frauenreferates
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Amt der NÖ Landesregierung
Abteilung F3 - Allgemeine Förderung
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